Allumgreifende Vernetzung zu Lasten des Datenschutzes

iRobots CEO erwägt Handel mit sensiblen Kundendaten

Wie der Spiegel, Zeit online, die New York Times oder auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung in den vergangenen Tagen berichteten, ließ das amerikanische, börsennotierte Unternehmen iRobot, ein Pionier auf dem Gebiet der Robotik, in einem Interview durch seinen CEO und Mitbegründer Colin Angle verlauten, es liege im Bereich des Wahrscheinlichen, künftig aus gespeicherten Informationen in Form von Karten und Nutzerdaten Profit zu schlagen. iRobot, jenes Unternehmen, das erst in jüngster Vergangenheit (2016) im Zuge einer Umstrukturierung die Abkehr von Robotersystemen für Polizeikräfte und Militär anstrebte hin zur Entwicklung ausschließlich ziviler Modelle für den Servicerobotermarkt, kann auf millionenfache Erfolge hinsichtlich des Verkaufs der eigenen Produkte in den vergangenen Jahren zurückblicken. Beginnend im Jahr 2015 mit dem aktuellen Topmodell Roomba 980 als auch den später veröffentlichten, kleineren Ausführungen Roomba 960, 965 und 966 bietet der Konzern Staubsaugerroboter an, welche umfangreiche Kartierungen der Haushalte ihrer Besitzer vornehmen. Angle, ausgestattet mit einem Master in Informatik und seit dem Gründungsjahr 1990 bei iRobot Corp. tätig, äußerte sich gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Man suche nach weiteren Möglichkeiten, die auf den Servern des Herstellers befindlichen Datenprofile künftig zu monetarisieren. Angle sieht Entwicklungsbedarf im Segment der Smart-Home-Automationstechnik, wittert die Chance auf hohe Gewinne im Handel mit sensiblen Kundendaten und argumentiert mit der Notwendigkeit, die Steuerung smarter Geräte wie Heizungsanlagen, Lichtquellen, Sicherheitssystemen oder Elektronikgeräten durch standortbasierte Informationen wie Haushaltsgröße, Anzahl der Zimmer, Etagen, Art und Position der Einrichtungsgegenstände, Fenster, Türen und/oder Treppen intelligenter zu gestalten.

Vernetzung allenthalben

Dahinter steckt die Idee, vernetzte Produkte in ihrer Funktionsweise hinsichtlich des menschlichen Verhaltens besser aufeinander abzustimmen, hierdurch zu optimieren. Ermöglichen könnten dies umfangreiche Daten, erhoben durch die Staubsaugerroboter des iRobot-Konzerns, vorliegend als dreidimensionales Abbild eines jeden Kundenhaushalts. Diese würden es Systemen, welche mittels künstlicher Intelligenz agieren, ermöglichen, effektiver in Kooperation mit anderen Haushaltsgeräten zu arbeiten. Plattformen wie Apple Homekit, Google Home oder auch Amazon Alexa eröffnete dies eine bessere Zusammenarbeit mit den vielfältigen Produkten anderer Hersteller, schlussendlich profitiere das gesamte Ökosystem an Dingen und Diensten, welche das Smart-Home-Marktsegment böte, von jenen detaillierten Kundendaten. Die Steuerung jener Verbraucher im eigenen Haushalt könne intelligenter gestaltet werden, dem menschlichen Verhalten angepasst. Die seitens iRobot über Jahre gesammelten und gespeicherten detaillierten Kundendaten, welche tagtäglich ganz nebenbei durch entsprechend technisch mittels Kamerasystemen hochgerüstete Staubsaugerroboter anfallen, seien für die Entwickler der Heim-Assistenten äußerst nützlich. Zwar sei  das ursprüngliche Ziel der Robotik gewesen, die menschliche Arbeit zu optimieren, indem man Robotern durch visuelle Erfassung ihres Umfelds ermöglicht habe, schneller zur Ladestation zurückzufinden oder aber den effektivsten Weg zur Reinigung des gesamten Haushalts zu errechnen. Die dabei anfallenden Daten seien jedoch derart wertvoll, dass diese hilfreiche Dienste im Zuge der weiteren Automatisierung leisten könnten. Dank der täglichen Vermessung des zu reinigenden Umfelds sei iRobot in der Lage, Informationen über Laufwege, Abstände zwischen Tisch, Sofa und Fernseher zu liefern, über Lichteinfall durch Fenster und Türen, verfügbare Leuchtmittel zur Lichtgestaltung etc., so wired. Derartig detailgetreue Daten könnten dabei helfen, die Mikrofonleistung  und Spracherkennungssoftware basierend auf der Position im Raum zu verbessern. Zu bestimmten Tageszeiten aufgesuchte Bereiche des eigenen Haushalts seien vorausschauend heizbar, Lichtquellen bei Bewegung der BewohnerInnen zielgerichteter schaltbar usw. Selbst die Musikanlage, Herd, Kaffeemaschine, Belüftung, Spielekonsole oder das neue Roboterhaustier profitierten von der effektiveren Vernetzung. Zwar beherrschen dies bereits in Teilen heutige Assistenzsysteme, jedoch nicht in der Komplexität, wie iRobots CEO Angle sich die nahe Zukunft ausmalt.

Handel mit sensiblen Kundendaten

Digitale Karten der Kundenhaushalte scheinen ein profitables Geschäftsfeld. Bereits gespeicherte oder künftig anfallende Daten werden zur Handelsware global operierender Unternehmen. Nachvollziehbare datenschutzrechtliche Bedenken weist CEO Colins von sich. Man werde nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Nutzers sensible Daten an Dritte veräußern. Dennoch wittere er einen Markt, sehe die Angelegenheit zuversichtlich und sei sich sicher, dass viele Kunden der Vereinbarung bereitwillig zustimmen würden, im eigenen Interesse eines künftigen Zugewinns an Komfort und Bequemlichkeit. Auch der Spiegel resümiert, vermutlich sei die Bereitschaft bei Privathaushalten ungebrochen groß, sensible Daten zu teilen. Schließlich würden im Gegenzug Dienstleistungen offeriert, welche ohne Preisgabe dieser nicht zur Verfügung stünden. Komfort gegen Datenschutz, für viele scheint dies eine leichte Entscheidung.

Preisgabe eigener Privatsphäre

Meines Erachtens ist diese Entwicklung äußerst fragwürdig. Auch ich hatte und habe Teil an ihr, indem ich einen iRobot Roomba 980 für die täglichen Reinigungsarbeiten nutze. Auf Anfrage informierte mich der Kundenservice des Marktführers für Staubsaugerroboter, das Interview müsse mir keine Sorgen bereiten, ohne konkrete bzw. ausdrückliche Zustimmung innerhalb der iRobot Home App sei eine Weitergabe der eigenen Nutzerdaten ohnehin ausgeschlossen. Auch seien dies erste Denkansätze, konkrete Planungen spiegelten die Aussagen Angles hingegen zum aktuellen Zeitpunkt nicht wieder. Als Kunde sei mir zu jedweder Zeit die Möglichkeit gegeben, einer Preisgabe der durch seinen Staubsaugerroboter gesammelten Daten zu widersprechen. Die Stellungnahme seitens iRobot auf meine Anfrage hin, beruhigte zumindest auf den ersten Blick.

iRobots Stellungnahme

Man eröffnete mir, es gäbe momentan keine Pläne, meine Nutzerdaten an Drittanbieter zu veräußern. Weiter heißt es:

iRobot ist bestrebt, Ihre Privatsphäre zu schützen und von daher werden keine Kunden- bzw. von unseren Robotern und Produkten gesammelten Daten an Drittparteien verkauft. Ohne die informierte Zustimmung unserer Kunden werden keine Daten mitgeteilt.

Die Erstellung von Karten ermöglicht unseren Robotern, Ihr Zuhause effektiv und effizient zu reinigen. In der Zukunft, mit Ihrer ausdrücklichen Erlaubnis, könnte diese Information die Arbeitsweise Ihres Smart Homes und Ihrer Smart Home Geräte verbessern. Der Roomba könnte zum Beispiel – aber nur, wenn Sie dem zustimmen – einige Informationen freigeben, damit Ihr Smart Home die Positionierung von über WiFi verbundenen Lichtern besser verstehen könnte und damit die Steuerung solcher Geräte, beispielsweise durch Alexa, einfacher werden könnte.

Es steht noch nicht fest, ob solche Partnerschaften bzw. Vereinbarungen notwendig wären, um solche Funktionen des Smart Homes zu leisten. Wenn bzw. falls eine solche Partnerschaft jedoch stattfindet, werden Sie natürlich die Möglichkeit in der App haben, die aufgenommenen Daten freizugeben oder nicht.

Diese Idee hat sich ergeben, da die Zufriedenheit unserer Kunden unser Ziel ist und da wir uns bemühen, Ihre Erfahrung mit unseren Produkten sowie unseren Service immer wieder zu verbessern.

Auf die Frage hin, ob der Roomba 980 auch ohne bestehende WLAN-Verbindung und daraus resultierender Serververbindung zu betreiben sei, bejahte iRobot nun in einer weiteren Stellungnahme und betonte, man könne die App-steuerbaren Modelle auch ohne stetige Internetverbindung nutzen, dann jedoch unter Einbußen des Komforts. Ein Fernstart von außerhalb des heimischen WLANs sei so nicht mehr möglich, die Einsicht in Reinigungskarten ebenfalls nicht, da diese Funktionen auf Diensten der iRobot-Server basiere. Alle anderen Einstellungsoptionen seien auch weiterhin verfüg- und nutzbar.

Sie benötigen keine Internetverbindung, wenn sich Ihr Smartphone in demselben lokalen Netzwerk wie Ihr Roomba befindet. Durch Drücken der CLEAN-Taste in der App wird ein Befehl über den Router an den Roboter gesendet. Die iRobot-Cloud wird in diesem Szenario nicht verwendet. Sobald der Roboter anfängt zu reinigen, wird er normalerweise seine Reinigungsstatusinformationen an die iRobot-Cloud für den Verlaufsbericht senden. Dies passiert jedoch nicht, wenn der Roboter nicht mit dem Internet verbunden ist.

Trotz dieser Zeilen scheinen die Nutzerdaten der Besitzer von App-fähigen iRobot-Modellen und damit ihre eigene Privatsphäre Teil des Geschäftsmodells des US-amerikanischen Herstellers. Verantwortungsbewusstsein geht anders.

Entwicklungen am Markt

Angesichts dieser bedauerlichen, unrühmlichen und bedenkenswerten Entwicklung sollten potentielle KäuferInnen überdenken, ob sie bereitwillig und im Wissen um eine mögliche Preisgabe sensibler Informationen iRobots zweifelhaften Weg des Umgangs mit personenbezogenen Daten gutheißen können und wollen. Zwar wünschte ich mir im Interesse der Kunden, dass Angles Team derartige Auswüchse von vornherein unterbindet, da dies jedoch nicht im Interesse des Unternehmens selbst zu stehen scheint, muss dem Verlust der letzten Intimität seitens der Betroffenen effektiv entgegengewirkt werden. Zudem sei erwähnt, dass auch andere Hersteller Kamerasysteme zur Erfassung der zu reinigenden Bereiche nutzen. Während iRobot sein System vSLAM bzw. iAdapt nennt, werben andere mit Dual Eye 2.0 (LG), Full View Sensor 2.0  bzw. Visionary Mapping Plus System(Samung) oder Indoor Positioning System (Miele). Ungesühnt jeglicher Bedenken hinsichtlich der Sicherheit anfallender Kundendaten wirbt LG seit Marktstart mit den zahllosen Vorzügen seines neuesten Serviceroboters, des LG HomBot Square VRH950. Dieser erlaubt dem bzw. der NutzerIn gar, jederzeit und überall ein Live-Bild des eigenen Haushalts abzufragen. Um sich über das Wohlergehen des eigenen Haustieres, den abgeschalteten Herd, ein offen gelassenes Fenster oder mögliche Einbrecher informieren lassen zu können, bedarf es lediglich des Zugangs über die App. Bereits Sekunden später erhält der bzw. die KundIn einen Livestream der heimischen vier Wände, kann den Roboter ferngesteuert über das Kamerabild im Haushalt navigieren und gewährt so auch LG detaillierte Einblicke in die eigene Privatsphäre. Jedes noch so fragwürdige Mittel scheint manchem bzw. mancher KundInnen recht, um sich am Komfortgewinn des smarten Haushaltshelfers zu erquicken. Im Unterschied zu iRobot hat dennoch keines der genannten Unternehmen, hier wären Branchengrößen wie Neato hinzuzählen, welche über Lasertriangulation ebenfalls hinreichende Datensammlungen auf firmeninternen Servern lagern, bisweilen damit kokettiert, künftig derartig sensible Kundendaten an Dritte zu veräußern.

Fazit

Die Verkaufserfolge der nächsten Quartale werden zeigen, ob die Menschen bereit sind, ihre letzten Intimitätszonen zum Nutzen neuer Funktionen preis zu geben oder ob allmählich eine Grenze erreicht ist, an der jener Schutz der eigenen Privatsphäre Priorität gewinnt. iRobots eingeschlagener Weg scheint jedenfalls nicht überraschend. Albert Gidari, Datenschutzbeauftragter des Stanford Center for Internet and Society urteilte jüngst in einem Interview mit der Times:

“It kind of goes with the mantra that everything that can be connected will be connected, […] all the data that can be collected will be collected.”

Es bleibt zu hoffen, dass Angles Aussage, iRobot nehme die Privatsphäre als auch die Sicherheit seiner Kunden sehr ernst, sich zu guter Letzt bewahrheiten wird. Eines sollte klar sein: iRobot sammelt bereits heute, sieht man die Datenschutzerklärung des Herstellers ein, eine große Menge an verschiedensten Informationen, um diese auch gegenüber Dritten geltend zu machen, wie unter anderem der Guardian berichtet:

The company’s terms of service appear to give the company the right to sell such data already, however. When signing up for the company’s Home app, which connects to its smart robots, customers have to agree to a privacy policy that states that it can share personal information with subsidiaries, third party vendors, and the government, as well as in connection with “any company transaction” such as a merger or external investment.

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